platzhalter

The Globalization of Wiedergutmachung

Kurzbeschreibung
Mit dem Ende des Kalten Krieges geriet seit Anfang der neunziger Jahre auch die schon bald nach Kriegsende auf Geheiß der Alliierten in Gang gesetzte und seit Gründung der Bundesrepublik fortentwickelte Politik und Praxis der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Bewegung. Beschleunigt durch das anbrechende Internetzeitalter, traten neue Akteure und - damit verbunden - auch neue politische, juristische und moralische Probleme auf. Der Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete vielen Überlebenden der NS-Verfolgung in Ost- und Südosteuropa erstmals die Chance auf eine Entschädigung ihrer Leiden. Zugleich kam mit den Erben von Opfern eine neue Generation von Antragstellern hinzu, während neu entstandene Opferorganisationen und auf deren Anliegen spezialisierte Juristen Verfahrensweisen der amerikanischen Rechtskultur in transnational verhandelte Entschädigungsfälle einführten. Mit Blick auf alle diese Faktoren untersuchen die Teilprojekte des deutsch-israelischen Forschungsprojekts den im Zeichen der "Globalisierung" erneuerten Wiedergutmachungsdiskurs und dessen Auswirkungen auf die Politik und Praxis der Entschädigung.

Förderung
German Israeli Foundation for Scientific Research and Development

Principal Investigators
Prof. José Brunner, Tel Aviv; Prof. Dr. Norbert Frei, Jena;
Prof. Dr. Constantin Goschler, Bochum

Teilprojekt Jena
Raubkunst und Restitution nach dem Ende des Kalten Krieges

Bearbeiter
Timo Saalmann, M.A.

Kurzbeschreibung
Das Thema der sogenannten NS-Raubkunst rückte Anfang der neunziger Jahre mit großer Vehemenz in den Blick einer internationalen Öffentlichkeit. Hatten sich die deutschen Museen bis dahin kaum mit Fragen der Restitution unrechtmäßig erworbener Kunstobjekte beschäftigt, so mussten sie plötzlich über die Geschichte und Provenienz ihrer Sammlungen Rede und Antwort stehen. Im Zeichen wiedererwachter Eigentumsgedächtnisse und einer auch medialen Globalisierung gewann die Frage nach Herkunft und Besitzrecht neue Brisanz. Von besonderer Bedeutung war die "Washingtoner Erklärung" vom Dezember 1998, mit der ein internationales Expertengremium eine wichtige Verschiebung im Diskurs über Kunstrestitution einleitete: weg von der bis dahin vorwaltenden legalistischen Praxis, hin zur stärkeren Gewichtung politisch-moralischer Aspekte.
Das Jenaer Forschungsprojekt geht der Frage nach, wie der scheinbar willkürlichen Praxis der Kunstrestitution der frühen neunziger Jahre ein Ende gesetzt werden sollte. Anhand exemplarischer Restitutionsfälle und ihrer öffentlichen Wahrnehmung lassen sich die politischen, moralischen, wirtschaftlichen und juristischen Positionen der verschiedenen Akteure auf dem konfliktreichen Weg zu einem neuen Umgang mit den Folgen des NS-Kunstraubs analysieren. Von Bedeutung sind dabei die Wiedergutmachungsansprüche der Erben, aber auch die Interessen der Museen, formal restituierte Kunst in ihren Sammlungen zu halten und weiter der Öffentlichkeit präsentierten zu können. Nicht zuletzt gilt das Augenmerk der Untersuchung dem Einfluss und dem ökonomischen Interesse spezialisierter Anwälte und des Kunsthandels an der Identifizierung und Abwicklung von Restitutionsfällen - und der in diesem Kontext sich entfaltenden Gestaltungskraft von Medien und Politik.