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Verfeindete Vermittler, verbündete Erzfeinde

Deutsch-französisches Engagement im 20. Jahrhundert

Bearbeiter
Dr. Dominik Rigoll

Kurzbeschreibung
Obwohl die historische Forschung das deutsch-französische Engagement von Intellektuellen unterschiedlichster politischer Couleur häufig untersucht hat, haben wir bislang nur eine recht vage Vorstellung davon, wie sich der Gegensatz zwischen politischem Liberalismus, Kommunismus und Faschismus, der das Zeitalter der Extreme so sehr prägte, auf die intellektuelle Begründung und die politische Praxis der deutsch-französischen Annäherung auswirkte. Einschlägige Studien fokussieren vielmehr den Gegensatz zwischen "dem" deutschen und "dem" französischen Nationalstaat. Dies ist erstaunlich, denn das Verständnis von deutsch-französischer Annäherung hing im 20. Jahrhundert weniger von der Nationalität einer Person als von ihren politischen Überzeugungen ab. So lautet jedenfalls die forschungsleitende Hypothese dieses Projekts.

Inwiefern beeinflussten sich liberale, kommunistische und faschistische "Vermittler" aller Ablehnung und Konkurrenz zum Trotz gegenseitig? Was hatten die von ihnen praktizierten oder propagierten Politiken gemeinsam? Welche Bedeutung hatten die inter-ideologischen Wechselwirkungen und Überschneidungen für die deutsch-französischen Beziehungen insgesamt?

Auf den ersten Blick erscheinen diese Fragen nicht allzu schwer zu beantworten: Wie in anderen Politikbereichen auch, betonten liberale, kommunistische und faschistische Intellektuelle auch in Bezug auf ihre Vorstellungen vom Ende der deutsch-französischen "Erbfeindschaft" in der Regel das Trennende: Man arbeite mit dem ideologischen Gegner nicht zusammen, habe andere Werte und vertrete entgegengesetzte Interessen. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es sich hierbei um Zuschreibungen handelt, die zwar nicht ganz falsch sind, die aber "das Andere" wie auch "das Eigene" sehr holzschnittartig abbilden. Es wird sichtbar, dass es immer wieder politische Imitationsprozesse und auch Bündnisse gab, die auf Ideologie oder Interesse basieren konnten. Sie wurden manchmal offen propagiert, zumeist aber stillschweigend praktiziert, gerade in der politischen Alltagspraxis. Kurz: Neben der Domäne der Abgrenzung existierte eine Grauzone, deren Konturen stets aufs Neue verhandelt wurden. Diesen Graubereich zu erforschen ist Gegenstand dieses Forschungsprojekts. Um seine Beschaffenheit und die politische Bedeutung über einen möglichst langen Zeitraum evaluieren zu können, nimmt die Studie exemplarisch eine Frau und vier Männer in den Blick, deren Engagement das ideologische Spektrum, in dem sich die deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert abspielten, weitgehend abdeckt. Der Philosoph und Germanist Victor Basch (1863-1944) unterstützte als sozialistischer Menschenrechtsaktivist Stresemann und Briand, bevor er ab 1933 in antifaschistischen Bündnissen zum Kampf gegen Hitler aufrief. Der Industriellen-Anwalt Friedrich Grimm (1888-1959) propagierte als Mitglied der nationalliberalen DVP ebenfalls den Briand-Stresemann'schen Ansatz, schloss sich 1933 aber der NSDAP an und trat nun im Dienste Hitlers für die "deutsch-französische Versöhnung" ein. Nach dem Krieg gehörte er zur Kriegsverbrecher-Lobby. Die Historikerin Klara Marie Faßbinder (1890-1974) war bis 1933 im Friedensbund Deutscher Katholiken aktiv. Nach 1945 radikalisierte sie ihr Engagement, indem sie in der Westdeutschen Frauen-Friedensbewegung nicht nur für eine Verständigung mit Frankreich, sondern auch mit dem Ostblock eintrat. Der kommunistische Anwalt Pierre Kaldor (1912-2010) beteiligte sich ab 1933 an den Kampagnen gegen NS-Unrecht und kämpfte seit 1943 in der Résistance. Nach Kriegsende verteidigte er zunächst linke Unabhängigkeitskämpfer auf dem afrikanischen Kontinent und später deutsche Kommunisten. Der Historiker Joseph Rovan (1918-2004) kam als Résistance-Kämpfer nach Dachau und zählte 1945 zum gaullistischen Besatzungspersonal. Zuletzt beriet er konservative Politiker wie Jacques Chirac und Helmut Kohl.

Was brachte diese "verfeindeten Vermittler" dazu, sich für derart gegensätzliche Politiken einzusetzen? Mit welchen Argumenten und mit welchem Erfolg traten sie für die Umsetzung ihrer Überzeugungen ein? Worin ähnelte und unterschied sich ihre Programmatik und ihre politische Praxis? Wie kamen in ihrem Umfeld parteiübergreifende Bündnisse und inter-ideologische Transfers zustande? Wie vertuschten, rechtfertigten oder verurteilten sie diese Ambivalenzen? Warum gerade Basch, Grimm, Faßbinder, Kaldor und Rovan? Obwohl diese fünf Intellektuellen für ganz unterschiedliche Ausformungen deutsch-französischer Annäherung eintraten, ähnelten sich ihre Argumente mitunter sehr. In ihren zahllosen Büchern, Broschüren und Presseartikeln ist immer wieder von "Recht" und "Gerechtigkeit" die Rede - aber auch davon, wie man das von anderen zu verantwortende "Unrecht" am besten bekämpft. Was sich grundlegend unterschied, war die empirische Realität, auf die sich diese Rechtsdiskurse bezog - und auch die Methoden, mit deren Hilfe sie zu "belegen" suchten, dass ihr Ansatz nicht nur politisch opportun, sondern auch wissenschaftlich fundiert sei. Dabei verorteten sie ihr Engagement nicht nur im politischen Leben ihrer Heimatländer, sondern auch international - sei es im Kampf für ein einiges Europa oder für die "Weltrevolution". Sie sprachen davon, dass sie in der "deutsch-französischen Freundschaft" eine Voraussetzung für "Frieden" erblickten. Vier von ihnen traten aber auch für den Krieg als ein Mittel ein, um ihre Vorstellungen verwirklichen zu können. Sie beteiligten sich sogar an der historiographisch-erinnerungskulturellen Aufarbeitung ihres Engagements, das sie als "Lehre aus der Vergangenheit" betrachteten. Nach ihrem Tod führten Parteigänger und Freunde diese Selbsthistorisierung fort.

Ziel des Projekts ist es, die deutsch-französische Beziehungsgeschichte in neue Forschungen zum transnationalen Rechts- und Friedensaktivismus einzubetten. Das Projekt versteht sich als "Histoire croisée", fokussiert anders als bisherige Studien jedoch nicht Verflechtungen und Transfers zwischen zwei Kulturen, sondern zwischen politischen Weltanschauungen, deren Träger sowohl auf der nationalen als auch auf der transnationalen Ebene agierten. Die politischen Beziehungen zwischen zwei Ländern als anhaltenden inter-ideologischen Antagonismus zu analysieren, bietet den Vorteil, dass so nicht nur erfolgreiche, sondern auch scheiternde Ansätze systematisch in den Blick geraten. Statt einer in Vielem vorhersehbaren Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichte entsteht eine bis in die Gegenwart hinein kontingente Konfliktgeschichte. Basch, Grimm, Faßbinder, Kaldor und Rovan dienen in dieser "Histoire politique croisée" gleichsam als Sonden, mit deren Hilfe sich die ideologische Polyphonie und politische Ambivalenz deutsch-französischen Engagements im 20. Jahrhundert schlaglichtartig analysieren und als offene Geschichte erzählen lässt.